Kurzgeschichten

| Atemzug |

Mit langsamen Schritten trat ich aus dem Tührrahmen, Schritt für Schritt in Richtung Freiheit. Den Balast der letzten Tage hatte ich in den Gedankenströmungen verloren. Wie lebensmüde Geister sind sie vom Abhang gesprungen.
Als ich ihnen so nachgesehen hatte, fing ich an, an die Zukunft zu denken.
Doch alle Sätze, die mir diesbezüglich durch den Kopf gingen, ließen sich nicht zu Ende denken.
So drehte ich hastig das Segel herum und war wieder angekommen, in dem Moment, der mich gerade in den Armen hielt.
Um mich herum war es grün, es roch nach frisch gemähtem Gras, Bänke wurden von der Sonne gewärmt und Trampelpfade schlängelten sich durch die grüne Landschaft. Wo diese wohl hinführten?
Um dies zu erkundschaften, fehlte die Zeit. Denn ich hatte einen Entschluss gefasst, hatte ein Ziel vor Augen. Es war tief und kalt.
Schon seit längerem träumte ich davon, zu tun, was ich noch nicht geschafft hatte, denn es blieb einfach keine Zeit mehr es hinauszuzögern.
Nach kurzer Zeit fing ich an zu rennen, nichts hielt mich mehr. Der Wind peitschte mir ins Gesicht, es schien fast, als würde er mich aufhalten wollen. Doch dies ließ mein Wille nicht zu.
Jedes Jahr gab es einen Tag, an dem ich mich auf den Weg machte, einen dunklen Pfad zu nehmen. Dieser führte mich stets unbewusst zu einem unfreundlichen Ort.
An diesem saß ich stundenlang vor einem schwarzen Loch, das sich aus der Erde drückte. In diesem war meine Fröhlichkeit begraben. Ich war mir nicht ganz sicher, wieso ich jedes mal an diesen Ort zurückkehrte. Ist Fröhlichkeit wirklich so wichtig im Leben? Ist es nicht viel wichtiger überhaupt am Leben zu sein? Konnte man sich sein Leben nicht schön reden und hoffen, dass man eines Tages wieder lachen konnte?
Wieso ich meine Mundwinkel nicht mehr nach oben ziehen konnte, um diesen fröhlichen Laut auszustoßen, wusste ich nicht mehr.
Denn den Grund hatte ich mitsamt der Fröhlichkeit begraben. Manchmal gab es Momente, in denen ich mich an mein altes Leben annäherte, ob dies nun gut oder schlecht war, konnte ich mir bis heute nicht beantworten.
Ohne Vergangenheit ist man nichts. Doch wäre es nicht manchmal von Vorteil, keine zu haben? Sie neu zu erschaffen? Sich selbst neu zu erfinden und somit jemand „Neues“, „Anderes“ zu sein?
Menschen, die mir wichtig waren, habe ich schon immer von mir gestoßen. Ein ewiges Manko.
Niemand würde es also merken, wenn ich mich verändern würde.
Entschlossenen Schrittes, ging ich, während ich diesen Gedanken nachhing, immer weiter, in Richtung meines Ziels.
Nicht mehr lange und ich war angekommen. Ob ich mich dann traute, es zu tun, wusste ich nicht. Das einzige, was mich trieb, war die Hoffnung. Die Hoffnung, nie mehr diesen dunklen Ort besuchen zu müssen. Mich nie mehr so elend fühlen zu müssen, wie immer an diesem Tag.
Dieser Tag sollte in meinem weiteren Leben nicht mehr existieren. Das hatte ich mit mir selbst ausgehandelt. Diese Entscheidung hatte mich mehr als 10 Jahre gekostet. Dieser Tag sollte mir helfen, mich nicht mehr an mich selbst erinnern zu müssen. Dieser Tag sollte das Blatt wenden.
Denn schaffte man es nicht, seinen Willen zu brechen, sein altes Leben mit einem entscheidenden Schritt von einem zu trennen, könnte man vergessen, auszubrechen.
Immer würde man in sein altes Muster verfallen. Immer wieder würde man sich einreden, alles sei in Ordnung, so wie es ist. Doch ich war es leid, immer den gleichen Gedanken nachzuhängen. War es leid, dass mein Wille mich so in der Hand hatte und mir ständig Vergangenes in die Fresse schlug. Ich war es leid, nicht Herr über mich zu sein. Dies musste sich schleunigst ändern.
Endlich. An den Klippen angekommen. Der Blick nach unten. Atemberaubend. Beängstigend.
Die Wellen überschlugen sich, brachen an den Klippen und waren daraufhin wieder eins mit der See. Dies war eine sich wiederholende Prozedur. Dieser Anblick war hypnotisierend, ließ mich fast vergessen, was ich vorhatte.
Rückwärts, Schritt für Schritt. Ich zählte mit. Nach hundert kleinen Schritten blieb ich stehen. Atmete tief ein und aus. Holte mir den Mut zurück. Der Mut, der mir half, meinen Willen zu stärken. Meinen Willen, über diese Klippe und somit über meinen Schatten zu springen.
Genug gedacht. Zeit für Taten.
Ich rannte los, schlug mich jedesmal kraftvoll mit einem Bein vom Boden ab, wurde immer schneller. Am Rand der Klippe angekommen, blieb ich nicht stehen, sondern sprang. Ein Sprung in die Zukunft. Der freie Fall war belebend schön.
Als ich die Wasseroberfläche durchbrach, umhüllte mich die kalte See. Kälte, die mich endlich aufwachen ließ.
Nach unten sinkend, dachte ich an nichts. Das erste mal. Meine Augen waren geschlossen, umso intensiver war das Gefühl. Das Gefühl der Kälte, der Weckruf drang laut an mein Ohr, ich saugte ihn auf.
Das Gefühl von Freiheit durchströmte meinen Geist. Mein Herz explodierte, ohne einen Laut von sich zu geben, warf die Steine, die daran hafteten, ab. Setzte sich erneut zusammen und war federleicht. Das Pochen war ab diesem Moment schmerzfrei.
Der Moment des Absinkens passierte in Zeitlupe. Genauso langsam drang ich auch wieder an die Wasseroberfläche. Warf meinen Kopf zurück und gab der See ein paar Tropfen ihrer Masse zurück. Dies war der erste Atemzug meines neuen Lebens.
Luft durchströmte jede einzelne Zelle meines Körpers, die Muskeln waren angespannt und doch entspannt, durchströmten mich mit Kraft, mit Lebensenergie.
Der erste Atemzug meines neuen Lebens.

© Nelli H.

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4 Gedanken zu “| Atemzug |

    • Danke für deine lieben Worte.
      Du hast dich nach dem Lesen hoffentlich besser und nicht schlechter gefühlt – so erging es mir, nachdem ich es fertig geschrieben hatte. 🙂

      LIebe Grüße und noch eine wundervolle Woche!

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