Kurzgeschichten, Poesie

Damals wird nie wieder heute sein.

Der Tag meiner Geburt war ein grauer Tag, damit meine ich nicht die Wetterlage diesen Tages, sondern die Komplikationen, die mit meinem Kommen auf diese bunte und gleichzeitig doch so düstere Welt, einhergingen.
Meine Mutter hatte furchtbare Blutungen, die ihr fast das Leben aus dem Körper zogen. Weder sie noch die Ärzte hatten schon so früh mit dem Eintreten von Wehen gerechnet, denn ich machte mich fast drei Monate zu früh auf den Weg, aus dem sicheren Hafen des Mutterleibes in die stürmischen Weiten des Lebens.
Doch wie das Schicksal es wollte, überlebten wir beide, wir sprangen dem Tod von der Schippe. Die nächsten Wochen waren voller Aufs und Abs, da keiner wusste, ob ich es schaffen würde, ob ich mich gut im Inkubator entwickeln würde, ohne körperliche Dysfunktionen davonzutragen.
Nach nur fünf Tagen forderte eine Lungenentzündung all meine Kraft, die ich aber nach einiger Zeit des Kämpfens gut wegsteckte. Nachdem auch diese Hürde genommen war, folgte die nächste – eine Operation an meinem Darm, da dieser falsch lag und Löcher aufwies, die genäht werden mussten.
Nach einiger Zeit hatte ich auch diese Prüfung des Lebens überstanden, denn ich war eine Kämpferin. Warum auch sollte ich auf diese Erde kommen, um mich direkt wieder zu verabschieden? Außerdem liebte ich den Klang, wenn meine Mutter zu mir sprach und mir Geschichten erzählte, von all den verschiedenen Welten, die jeder Mensch in sich trug, von der Liebe, die man auf der Welt fand, von den wunderbaren Dingen, die noch vor mir lagen und die ich eines Tages als Erinnerung in mir tragen würde.
Diesen wundervollen Klang hörte ich jeden Tag und jeden Tag freute ich mich auf den nächsten und die Liebe, die durch ihre Anwesenheit und ihre Worte zu mir strömten und mir Kraft gaben. Sehr oft mischten sich auch wundervolle Melodien meines Vaters und meiner Großeltern unter ihre.
Eines Tages, als ich voll entwickelt und voller Kraft war, lernte ich meinen Bruder kennen. Ich liebte meinen Bruder ab der ersten Sekunde. Sofort wusste ich, dass er ein Seelenverwandter ist, damals kannte ich dieses Wort natürlich noch nicht, doch verspürte ich diese Nähe, diese Verbundenheit sofort. Ein wohliges, warmes Gefühl, das meinen Körper wärmte.
So strapaziös wie mein Leben begann, sollte es auch weitergehen. Inzwischen war ich sechs Jahre alt und wurde eingeschult. Die Zeit in der Schule war wunderbar, ich war gerne dort, denn man lernte viele Dinge, die einen faszinierten und einem so viel gaben. Besonders liebte ich das Lesen, ich las Tag ein, Tag aus. Welten in denen ich frei sein konnte, in denen man Abenteuer erlebte und die Orte so schnell wechselte, wie man es sonst nur in seinen Träumen und Gedanken konnte. Denn so schön die Schulzeit auch war, so viel ich auch mit meinem Bruder spielte und herumalberte. Diese Zeit war düster, regelrecht überschattet von Dunkelheit. Diese Dunkelheit wurde von Menschen in unserem Umfeld erschaffen, um nicht zu sagen, von einer Person. Als meine Mutter diese Person verließ, nahm diesen Platz eine andere Person ein. Eine, die noch viel schlimmer als ihr Vorgänger war. Ich hasste diesen Menschen abgrundtief. Doch dies wurde mir erst einige Zeit später klar. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, der alles veränderte.
Wir saßen am Küchentisch und frühstückten zusammen. Diese Zeitspannen waren für meinen Bruder und für mich eine reine Qual, wir wollten nicht mit ihm an einem Tisch sitzen, nicht seine hässlichen Worte hören, nicht seine Anwesenheit spüren. Sobald er in der Nähe war, waren wir alle nicht wir selbst, wir waren wie Marionetten, dessen Fäden er zog. Er manipulierte unsere Gedanken und vergiftete sie mit seinem Hass, mit seiner Kontrolle, seiner allgegenwärtigen Kontrolle. An diesem Morgen saßen wir also beisammen, mal wieder. Wir aßen. Wir schwiegen. Dann fragte das kleine Mädchen am Tisch, ob sie den Saft der Tomatenscheiben, die bis eben noch einen Teller gefüllt hatten, trinken könne. Nein, falsch. An dieser Stelle ist Präzision gefragt, denn das was aus ihrem Mund kam, war die Frage: „Darf ich den Saft trinken?“
Saft. Dieses einfache Wort. Es war dieses einfache Wort, was meine Welt zum Einsturz brachte. Eher gesagt, die Reaktion, die folgte, von einem Menschen, dessen Seele so schwarz war, das kein Funken Licht diese jemals berühren würde. Er, dieser Mensch, der keinen Namen verdient hat, nahm den Teller, schüttete einen Teil seines Tees oder auch Kaffees – dieses Detail schien meinem Gedächtnis nicht allzu wichtig zu sein – in den Teller und würzte diese merkwürdige Mischung mit Salz und Pfeffer und stellte sie mir hin. Ganz perplex verkroch mein inneres Ich sich schon direkt in der hinteren Ecke meines Verstandes, denn ich wusste, das was kam, konnte nichts Gutes sein. Denn von ihm kam nie etwas Gutes. Er stellte es mir also hin und schaute mich fordernd an. Diese Forderung unterstrich er zusätzlich mit den Worten. „Hier bitte, trink!“
Doch ich wollte nicht, dies teilte ich auch dieser plötzlich sehr still gewordenen Runde mit. Er stand auf und stellte sich neben mich, erhob die Hand und forderte, dass ich es trank, bevor er bis drei gezählt hatte, denn dieses Gebräu würde mir nicht schaden und außerdem habe ich nicht genau ausgeführt, was genau ich denn eigentlich gerne getrunken hätte. Ich – noch ein kleines Kind – verstand nicht, verstand nicht, wie man so penibel und hässlich sein konnte. Tränen traten mir in die Augen, ich zitterte, ich wollte weg, am besten an einen Ort, an dem es ruhig und schummrig ist, an dem man einfach alleine ist. Mit zitternder Stimme sagte ich ihm, er könne es doch selbst trinken, wenn es keinen Schaden anrichte, denn ich möchte es nicht. Er zählte. Eins – zwei – drei.
Der Schlag traf nicht nur meinen Kopf, nein, was viel schlimmer war – er traf meine Seele – in diesem Moment gesellten sich schwarze Narben zu meiner eh schon grau gewordenen Seele. Man hatte mir meine Farbe geraubt. Meine hellen und fröhlichen Farben. Damals wusste ich das noch nicht so genau, denn es war ein schleichender Prozess, der schon sehr früh zu wirken begonnen hatte. Worte und Taten, die jedes Mal dazu beigetragen haben. Psychoterror.
Nachdem diese Verletzung meine Seele erreicht hatte, stand ich auf, weinend, aufgelöst und wollte weg. Er sagte noch etwas. Ich bekam es nicht mit. Meine Mutter sagte „Schatz, das reicht doch jetzt.“ Dieses Satz bekam ich mit, denn er war fast schlimmer als dieser Schlag. Was mein Bruder in diesem Moment tat, bekam ich nicht mit. Wahrscheinlich hatte auch er sich innerlich zurückgezogen und von alldem distanziert, denn irgendwann ist Distanz alles, was dich am Leben hält. Der Rückzug in fremde Welten, in denen man sein konnte, wer man wollte.
Auch ich hatte mich in diesem Moment distanziert, denn was ich dachte, bekam ich nicht mit.
Ich glaube, dieser Moment war sehr leise, mein Körper bebte und schüttelte all meine Hoffnung und Liebe aus mir heraus. Ein leises Knacken, ich hab’s gehört. Einer der Momente, in denen ich mein Leben eigentlich nur beenden wollte. Denn ich wollte, dass es aufhört. All das! All dieser ganze Scheiß, der mich nach und nach zu einer leblosen Hülle machte, die unregelmäßig atmete. Gestresst und gejagt von seinem Handeln, von seinen Worten. Tag ein, Tag aus. Immer das Gleiche. Und Seelen, die sich krümmten, vor lauter Schmerz, der durch jede Pore tief ins Mark schnitt.
Beenden wollte ich es – das was man Leben nennt. Doch ich tat es nicht.
Rückblickend bin ich mehr als nur froh, dass ich es nicht getan habe, egal wie viele Situationen folgten, die mich genau das Gleiche fühlen ließen, diese Verzweiflung, dieses Gefühl, es einfach beenden zu MÜSSEN. Denn früher dachte ich, jeder Mensch könne nur eine bestimmte Menge an Schmerz verkraften, bis ich verstand, dass das nicht stimmte. Die Folge aus Schmerz, war Kraft, endlose Kraft, die in einem selbst entstand. Wir sind die Schöpfer unserer inneren Kraft. Damals war ich ein hilfloses Kind, dass sich einfach nur nach Liebe sehnte. Heute erschaffe ich diese Liebe selbst. Denn jedes Mal, wenn du deinen Hass verbreitet hast, verstand ich jedes Mal mehr, was Liebe eigentlich bedeutet. Sie bedeutet Güte, Verständnis und so viel mehr.
Traurig ist nur, dass du dies niemals verstehen wirst. Doch was ich verstanden habe, ist, dass man Dinge gehen lassen muss, denn man durchlebt Momente, die einen etwas lehren. Das Universum hat sie uns geschickt, um uns zu den leuchtenden Seelen zu machen, die wir heute sind. Also lasst uns Liebe verbreiten, um das Dunkel dieser Welt etwas heller werden zu lassen.

© Nelli H. 

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