Kurzgeschichten, Poesie

Sprich aus, was brennt.

Dein Blick, so gestochen scharf, auf’s Kleinste fixiert. Nimmt wahr, erinnert dich an dein gestriges Heute. Du riechst noch die Erinnerungen, als wären sie Eins mit dir. Ein Teil deiner Haut, als würdest du alles nochmal erleben, spüren.
Du erinnerst dich daran, wie sie im leichten Schein an der Kante des Sofas saß und ihre Haare sanft auf ihr Gesicht fielen, während sie in ihrem Lieblingsbuch In meinen Träumen läutet es Sturm schmökerte. Ihr Gesicht, so makellos, diese sanften, weltoffenen Augen, die dich so oft an Nichts denken ließen, da du einfach nur im Moment des Glücks versunken warst, um ihre Anwesenheit zu genießen. Mehr brauchtest du nicht. Du warst angekommen.
Doch gestern ist schon lange vorbei. Als du in das Zimmer tratst, hob sie den Kopf und umfasste dein Wesen mit einem ernsten Blick, der nichts Gutes zu verheißen hatte. Du wusstest schon lange, tief in deinem Innern, dass dieser Moment bald kommen würde, du spürtest die Distanz, die von Tag zu Tag größer wurde, drückender, bis ihr in zwei ganz anderen Welten Zuhause wart.
Während du sie betrachtetest, prasselten Gedanken auf dich ein, Dinge, die du sagen könntest Mein Zuhause ist kein Ort, das bist du – doch du bleibst stumm, da du weißt, dass sie ihre Entscheidung schon vor einiger Zeit getroffen hat. Doch heute, ja, da wünschtest du, du hättest ausgesprochen, was dir auf der Seele brannte und noch immer brennt, um nicht zu sagen, du bist noch immer Feuer und Flamme.

Ich bin riesig, aber du viel größer als ich.
Alles jetzt, alles wichtig,
aber wichtiger als du ist mir nichts.

Singst du in Gedanken und bist weit entfernt vom Heute. Im Damals verweilend, als ihr zu diesem Song eng umschlungen vor der Bühne standet und deine Welt noch in Ordnung war.

© Nelli H.

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Kurzgeschichten, Poesie

Der Tag, an dem wir tanzten.

Welch‘ magischer Morgen – nicht nur heute! Doch an manchen Tagen, die Schönheit nicht erblickend, wachen wir auf, vom Klang unseres Weckers aus dem Schlaf gerissen, noch nicht ganz da, nicht ganz anwesend, noch in der Traumwelt verweilend, hetzen wir gedanklich schon zum ersten Termin.
Doch nicht heute, nein, heute nicht und morgen nicht und auch sonst nicht! Der Morgen ist magisch und das an jedem Tag.
Nimmst du nicht wahr, wie die Sonne hereinscheint und dein Gesicht liebkost, Schattenspiele veranstaltet, um dich für einen Moment herauszureißen, aus dem Alltagstrott? Sieh‘ doch hin, saug es auf und lächel aus vollem Herzen.
Das Leben schenkt sich dir, bietet dir Möglichkeiten, Milliarden Möglichkeiten, doch manchmal, ja manchmal, schleichen sie sich ein – die Zweifel.
Die Zweifel, man sei nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht attraktiv genug, nicht witzig genug.
Zweifel darüber, dass man ja die falsche Entscheidung treffen könnte, dass man etwas Falsches sagen könnte. Doch wer definiert, was falsch ist? Nicht du selbst?
Wenn etwas just in diesem Moment, aus dir selbst entspringt, aus deinem Herzen hervorgeht – sei es eine Entscheidung, ein Satz, ein Gefühl, eine Tat – was kann falsch daran sein, wenn es aus den Tiefen deiner Seele kommt? Wenn du es wahrnehmen kannst, es sich gut anfühlt, dann agiere so. Scheiß‘ auf den Gedanken: „Was wäre, wenn…“.
Lebe dich!

*

Noch mit geschlossenen Augen koste ich den Morgen voll aus, rekel mich, spüre in meinen Körper hinein.
Versinke in meiner inneren Welt. Das Betrachtende und Fühlende Ich setzt einen Fuß vor den anderen, spürt den Sand durch die Zehen rieseln, die leichte Wärme kitzelt meine Fußsohlen, angenehm weich landen meine nicht zu Ende gedachten Gedanken auf dem Borkumer Strand.
Du sitzt schon da, genießt das Rauschen des Meeres und den Gesang der Möwen, die schon am frühen Morgen diesen Tag preisen, bist vollkommen präsent in diesem Moment. Ich sehe förmlich, wie dein Herz tanzt, weil du dich Zuhause fühlst, weil du den Frieden in dir spürst.
Ich fühle, was du fühlst, denn ich bin du und du bist ich, wir sind eins. Das Einzige, was sich unterscheidet, sind unsere Blickwinkel und das Umgehen mit dem Erlebtem. Denn du lebtest schon früher als ich, in einer Welt, die dunkler war.
Ab dem Moment, an dem ich begriff, wie wichtig es ist, dir zu verzeihen, dich anzunehmen, dich zu lieben und vor allem, mich überhaupt erst mit dir und deinen Erfahrungen, deiner Gefühlswelt, auseinanderzusetzen, ist dieser Ort unser Treffpunkt. Eine wunderbare Bühne, auf der sich so vieles abspielt.
Nachdem wir für kurze Zeit stumm nebeneinandersitzen und die Präsenz des jeweils anderen vollends auskosten, betrachte ich den Sack, der neben dir liegt. Langsamen Schrittes gehe ich auf ihn zu, um ihn anzuheben, was sich als nicht einfach erweist, da er so schwer ist, dass meine Arme zittern, während ich ihn hochhalte. In ihm befinden sich verschieden große Steine, auf denen geschrieben steht, was du von dir denkst, aber nicht mehr denken möchtest.
Behutsam widmen wir uns dem ersten Stein, auf dem ganz simpel Scham geschrieben steht. Mit voller Kraft schleudere ich ihn Richtung Meer und sehe ihm beim Sinken zu. Gut fühlt es sich an, ein Stück der Last loszuwerden. Den nächsten nimmst du: Du musst dich anpassen.
„Weg mit dir!“, rufst du. Mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht wirfst du ihn in das Meer und begrüßt das Ploppen mit einem freudigen Aufschrei. „Wohohohohoooooo“, schallt es über den Strand.
Würden hier noch andere Menschen mit uns verweilen, hättest du sie sicher mit deiner Euphorie anstecken können. Nach und nach leert sich der Sack, wir finden darin Sätze, wie: Du bist nicht genug. Du musst immer klein beigeben. Du musst die Ziele anderer priorisieren, statt deiner eigenen. Du musst mehr auf andere achten, als auf dich selbst. Du musst es allen recht machen.
Mit jedem Stein, den wir sinken sehen, wird der Wellengang stärker und lässt die Kraft des Meeres in uns übergehen, voller Freude und Tatendrang tanzen wir ganz wild um Sandburgen herum, die der Wind noch nicht hinfortgetragen hat. Dein Lachen hallt noch nach, nachdem ich die Augen öffne, um diesen Tag voll auszukosten.

© Nelli H.

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Poesie

Minenfeld.

Das Geräusch deines Atmens erfüllt den Raum, schwerfällig ignoriere ich diese Musik des Lebens, die mich von meinen Gedanken ablenkt, von dem, was ich gerade noch tun wollte und partout vergaß, als ich den Fokus auf diese Geräuschkulisse lenkte. Das Leben ist ein Minenfeld“, sagtest du einst zu mir, mit einem Schulterzucken tat ich diese Aussage ab, denn was genau soll das sein: ein Minenfeld des Lebens? Diese Vorstellung ist düster, negativ, tödlich. Irgendwann verstand ich allerdings, dass genau das das Leben für dich war, ein düsterer und gefährlicher Ort, jeder Schritt, jede Tat, jeder Gedanke lähmte dich, bereitete dir Angst, du könntest dein Leben durch eine Mine verlieren. Diese Angst war es, die dich dein ganzes Leben nicht leben ließ.
Deine aktive, fröhliche, neugiere, lebensgierige Seele tötetest du selbst. Genauer gesagt, warst du es nicht selbst, zumindest nicht bewusst, doch hast du alles aufgesaugt, für bare Münze genommen, alles, was dir jemals widerfahren ist, alles, was dir jemals Negatives gesagt wurde. Du hast es aufgesaugt, verinnerlicht, solange, bis kein Platz mehr für Positives war. In deinem lebendigen Körper, der herausgefordert werden wollte, steckte also eine Seele, die sich selbst aufgegeben hatte, in ihrer Komfortzone verweilte, jahrelang. Doch dann kam der Augenblick, an dem du dich wieder selbst gesehen, dich in deiner ganzen, wahren Größe wahrgenommen hast. Du streicheltest deine Seele täglich und badetest in den schönsten Farben des Lebens, bis du selbst fähig warst, sie wiederzugeben. Du leuchtest. 

© Nelli H. 

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