Poesie

Glück.

Das Innere sträubt sich nach Außen. Ergibt ein Meer an Emotionen.
Ein Meer der Trauer, des Glücks, der Freude, des Schmerzes. Es tropft aus jeder Pore, lässt Synapsen pulsieren.
Verlustängste, die mich quälen, das Gefühl, immer wieder aufs Neue verlassen worden zu sein, das Gefühl, dass dies immer wieder passieren wird. Dass jeder, der einem wichtig ist, irgendwann geht, dass man zurückgelassen wird, weil man nicht zählt, im Leben der anderen.
Das, was da lauthals schreit, sich Gehör verschafft, ist mein verletztes inneres Kind, das zu erkennen, hat seine Zeit gedauert, das zu akzeptieren, noch länger. Und doch hilft diese Erkenntnis gerade nicht dabei, diese Verletzung zu heilen.
Den goldenen Samen in meinem Herzen habe ich gepflanzt und pflege ihn, die Geduld, bis die Pflanze des Vertrauens aufblüht, ist es, die gerade nicht existiert.
So sitze ich hier, füttere meine Seele mit Musik, streichle sie und versichere ihr, dass wieder hellere Zeiten anbrechen werden.
In mich hineinlächelnd, weiß ich, dass das stimmt.
Der Moment fließt durch meinen Körper hindurch, lasse ihn zu, voll und ganz, denn es ist wichtig, zu leben, zu spüren und zuzulassen, was man fühlt.

„And if you’re still bleeding, you’re the lucky ones
‚Cause most of our feelings, they are dead and they are gone.
[…]
And if you’re still breathing, you’re the lucky ones.“
(Daughter – Youth)

So schallt es aus dem Lautsprecher und dieses Wunder, überhaupt auf dieser Welt sein zu dürfen, durchströmt mich, lässt mein Blut tanzen und mich atmen.
Dieses Geschenk, sich jeden Tag aufs Neue besser kennenlernen zu können und diese Schönheit der Welt nicht nur zu sehen, sondern sich mit dieser Energie verbinden zu können und mit den Menschen, die einem so ähnlich sind, dass es schmerzt und gleichzeitig meine Seele erfreut.
Das ist das pure Glück.

© Nelli H. 

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Kurzgeschichten, Poesie

Der Tag, an dem wir tanzten.

Welch‘ magischer Morgen – nicht nur heute! Doch an manchen Tagen, die Schönheit nicht erblickend, wachen wir auf, vom Klang unseres Weckers aus dem Schlaf gerissen, noch nicht ganz da, nicht ganz anwesend, noch in der Traumwelt verweilend, hetzen wir gedanklich schon zum ersten Termin.
Doch nicht heute, nein, heute nicht und morgen nicht und auch sonst nicht! Der Morgen ist magisch und das an jedem Tag.
Nimmst du nicht wahr, wie die Sonne hereinscheint und dein Gesicht liebkost, Schattenspiele veranstaltet, um dich für einen Moment herauszureißen, aus dem Alltagstrott? Sieh‘ doch hin, saug es auf und lächel aus vollem Herzen.
Das Leben schenkt sich dir, bietet dir Möglichkeiten, Milliarden Möglichkeiten, doch manchmal, ja manchmal, schleichen sie sich ein – die Zweifel.
Die Zweifel, man sei nicht gut genug, nicht intelligent genug, nicht attraktiv genug, nicht witzig genug.
Zweifel darüber, dass man ja die falsche Entscheidung treffen könnte, dass man etwas Falsches sagen könnte. Doch wer definiert, was falsch ist? Nicht du selbst?
Wenn etwas just in diesem Moment, aus dir selbst entspringt, aus deinem Herzen hervorgeht – sei es eine Entscheidung, ein Satz, ein Gefühl, eine Tat – was kann falsch daran sein, wenn es aus den Tiefen deiner Seele kommt? Wenn du es wahrnehmen kannst, es sich gut anfühlt, dann agiere so. Scheiß‘ auf den Gedanken: „Was wäre, wenn…“.
Lebe dich!

*

Noch mit geschlossenen Augen koste ich den Morgen voll aus, rekel mich, spüre in meinen Körper hinein.
Versinke in meiner inneren Welt. Das Betrachtende und Fühlende Ich setzt einen Fuß vor den anderen, spürt den Sand durch die Zehen rieseln, die leichte Wärme kitzelt meine Fußsohlen, angenehm weich landen meine nicht zu Ende gedachten Gedanken auf dem Borkumer Strand.
Du sitzt schon da, genießt das Rauschen des Meeres und den Gesang der Möwen, die schon am frühen Morgen diesen Tag preisen, bist vollkommen präsent in diesem Moment. Ich sehe förmlich, wie dein Herz tanzt, weil du dich Zuhause fühlst, weil du den Frieden in dir spürst.
Ich fühle, was du fühlst, denn ich bin du und du bist ich, wir sind eins. Das Einzige, was sich unterscheidet, sind unsere Blickwinkel und das Umgehen mit dem Erlebtem. Denn du lebtest schon früher als ich, in einer Welt, die dunkler war.
Ab dem Moment, an dem ich begriff, wie wichtig es ist, dir zu verzeihen, dich anzunehmen, dich zu lieben und vor allem, mich überhaupt erst mit dir und deinen Erfahrungen, deiner Gefühlswelt, auseinanderzusetzen, ist dieser Ort unser Treffpunkt. Eine wunderbare Bühne, auf der sich so vieles abspielt.
Nachdem wir für kurze Zeit stumm nebeneinandersitzen und die Präsenz des jeweils anderen vollends auskosten, betrachte ich den Sack, der neben dir liegt. Langsamen Schrittes gehe ich auf ihn zu, um ihn anzuheben, was sich als nicht einfach erweist, da er so schwer ist, dass meine Arme zittern, während ich ihn hochhalte. In ihm befinden sich verschieden große Steine, auf denen geschrieben steht, was du von dir denkst, aber nicht mehr denken möchtest.
Behutsam widmen wir uns dem ersten Stein, auf dem ganz simpel Scham geschrieben steht. Mit voller Kraft schleudere ich ihn Richtung Meer und sehe ihm beim Sinken zu. Gut fühlt es sich an, ein Stück der Last loszuwerden. Den nächsten nimmst du: Du musst dich anpassen.
„Weg mit dir!“, rufst du. Mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht wirfst du ihn in das Meer und begrüßt das Ploppen mit einem freudigen Aufschrei. „Wohohohohoooooo“, schallt es über den Strand.
Würden hier noch andere Menschen mit uns verweilen, hättest du sie sicher mit deiner Euphorie anstecken können. Nach und nach leert sich der Sack, wir finden darin Sätze, wie: Du bist nicht genug. Du musst immer klein beigeben. Du musst die Ziele anderer priorisieren, statt deiner eigenen. Du musst mehr auf andere achten, als auf dich selbst. Du musst es allen recht machen.
Mit jedem Stein, den wir sinken sehen, wird der Wellengang stärker und lässt die Kraft des Meeres in uns übergehen, voller Freude und Tatendrang tanzen wir ganz wild um Sandburgen herum, die der Wind noch nicht hinfortgetragen hat. Dein Lachen hallt noch nach, nachdem ich die Augen öffne, um diesen Tag voll auszukosten.

© Nelli H.

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